Ziad Jilani mit Moira und ihrer jüngsten Tochter Yasmin

Ziad Jilani mit Moira und ihrer jüngsten Tochter Yasmeen

Ich traf Moira in Garten eines Restaurants in Beit Jala. Es war ein sonniger Frühlingstag im Westjordanland, die Vögel zwitscherten, die Bäume rauschten, es wurde endlich wärmer. Dort erzählte mir die Amerikanerin von ihrem palästinensischen Ehemann. Im vergangenen Juni wurde er von einem israelischen Soldaten erschossen. Er war mit seinem Auto in Ostjerusalem in die Demonstration geraten, die dort jeden Freitag stattfindet. Die Demonstranten warfen Steine, Ziad wollte schnell raus aus dem Tumult. Er wendete seinen Pick-Up und rammte dabei eine Gruppe Soldaten. Es war ein Unfall, davon ist Moira überzeugt, denn ihr Mann war nicht politisch aktiv, hatte kein Interesse an Demonstrationen und Widerstand, er war auf dem Weg nach Hause, um mit seiner Frau und den drei Töchtern ans Meer zu fahren. Für die Soldaten war es kein Unfall, für sie war es ein Attentat. Sie schossen, Ziad floh aus seinem Auto, rannte in die Menge der Demonstranten, wollte zum Haus seines Onkels, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Soldaten schossen weiter, verletzten dabei ein fünfjähriges Mädchen – sie jagten einen Terroristen. Vielleicht riefen sie Ziad zu, er solle stehenbleiben, vielleicht schossen sie auch einfach so. Ziad wurde in den Rücken getroffen und fiel. Als er am Boden lag, stellte ihm einer seiner Verfolger laut Augenzeugenberichten seinen Stiefel in den Nacken, zielte und tötete Ziad Jilani mit einem Kopfschuss.

Das ist eine der schlimmsten Geschichte, die ich bisher gehört hab. Moira erzählt sie mit fester Stimme und hartem Blick. Sie kämpft seit fast einem Jahr darum, dass der Mörder ihres Mannes zur Rechenschaft gezogen wird. MaHaSh, die Abteilung der israelischen Polizei, die für interne Ermittlungen zuständig ist, gab zwar zu, dass Ziad letztendlich doch kein Terrorist war und keinen Fehler gemacht hatte. Sein Mörder war aber laut MaHaSh auch nicht schuldig.

Weil von israelischer Seite kein Einsehen, keine Entschuldigung, kein Wille zur Veränderung kommt, ist Moira wütend und verbittert. Für Trauer ist in ihrem Leben kaum Platz. „Palästinensisches Blut ist billig“, sagt die Amerikanerin, „hätten sie ein Tier so behandelt, hätte das in allen Zeitungen gestanden.“ Denn Ziad starb erst zwanzig Minuten nach dem Kopfschuss, die Soldaten verhinderten zunächst, dass er in einen Krankenwagen getragen wird.

Rache – den Gedanken hat Moira immer wieder, aber ihre Rache sieht ein bisschen anders aus als gewöhnlich. Sie engagiert sich im Parent’s Circle, einer israelisch-palästinensischen Organisation, in der nur Mitglied wird, wer in diesem ewigen Konflikt einen Angehörigen verloren hat. Da erzählt sie ihre Geschichte z.B. neben Rami Elchanan, der danach von seiner 14-jährigen Tochter berichtet – wir wären heute im gleichen Alter – die bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag in Jerusalem ums Leben kam. Moira, Rami und die anderen Mitglieder vom Parent’s Circle erzählen ihre Geschichten vor palästinensischen Jugendlichen im Westjordanland und vor israelischen Jugendlichen in Israel. Für die Jugendlichen auf beiden Seiten ist es häufig das erste Mal, dass sie einen Israeli und einen Palästinenser friedlich nebeneinander sehen – zwei Menschen, die keine Feinde sind, sondern sich sogar als Geschwister bezeichnen. Für Moira ist jeder israelische Jugendliche, den sie erreicht und der später in seinem Militärdienst menschlich handelt, ihre ganz persönliche Vergeltung für ihren Mann. Für den Parent’s Circle sind diese Begegnungen mit Jugendlichen auf beiden Seiten der erste Schritt zur Versöhnung. Und der einzige Weg, um wirklich einmal Frieden zu schaffen in diesem heiligen Land zwischen Jordan und Mittelmeer – wie auch immer man es nun nennen will.