„Ich hab schon gar keine Lust mehr, ich will wieder nach Hause“, stöhnt das Mädchen neben mir. Sie ist zum ersten Mal in Israel und wurde am Flughafen gerade mit einem Verhör in irgendeinem Hinterzimmer begrüßt. Ich warte noch darauf, was aus mir werden soll. Ganz offen habe ich gesagt, dass ich in Ramallah arbeiten werde. Und ja, ich war schonmal hier, in Bethlehem. Warum lügen, auch wenn mir das jeder West Bank-Erfahrene raten würde? Ich mache doch nichts falsch. Zweimal hat der Grenzbeamte telefoniert (und ich wünschte, ich hätte weiter hebräisch gelernt), ehe ich zu dem nächsten Beamten geschickt wurde, der sich ebenfalls an meinem Pass festhielt. Ich war schon gespannt auf das Verhör, das doch kommen musste, aber letztendlich wurde nur mein Gepäck nochmal durchleuchtet. Den Sinn dahinter, Gepäck zu durchleuchten, das gerade aus einem Flugzeug kommt, konnte mir die Beamtin nicht erklären.

Urlaub in Israel - ein kurzer Abstecher ans Mittelmeer ist ein Privileg der Israelis und der Ausländer

Urlaub in Israel - ein kurzer Abstecher ans Mittelmeer ist ein Privileg der Israelis und der Ausländer

Zehn Tage bin ich nun schon in Ramallah, schwer beschäftigt damit, meine Schüler unter Kontrolle zu halten und mich einzuleben. Es ist anders als Bethlehem. Politische Gespräche habe ich bisher noch fast keine geführt, die Stadt wimmelt vor Ausländern (gefühlte 90% davon Deutsche) und ich verstehe jene Migranten in Deutschland ein bisschen besser, die auch nach Jahren noch kein deutsch können. Ich käme hier auch völlig ohne arabisch klar. Im Gegensatz zu Bethlehem, wo die Mauer ständig zu sehen ist und lässt sich der Konflikt in Ramallah leicht vergessen. Bis vor ein paar Tagen jedenfalls.

Wieder eine Demo in Ramallah - diesmal für die Anerkennung als 194. Staat

Wieder eine Demo in Ramallah - diesmal für die Anerkennung als 194. Staat

Seit Anfang der Woche ist die Stadt mit palästinensischen Flaggen und Farben geschmückt. Der Tag nahte, an dem Abbas vor der UNO die Aufnahme Palästinas als 194. Staat beantragen will. Ab 10 Uhr hatten heute alle Schulen und staatlichen Einrichtungen in Ramallah geschlossen, um möglichst viele Menschen auf dem Arafat-Platz im Zentrum der Stadt zu versammeln. Unter glühender Sonne standen die Menschen und ließen geduldig mehrere Reden über sich ergehen. Dann spielte Musik, Debka-Tänzer zeigten ihr Können und die erschöpfte Menge verwandelte sich in eine brodelnde Party aus tanzenden Männern und klatschenden Frauen. Am Freitag, wenn Abbas vor der UNO-Vollversammlung in New York spricht, findet wieder eine Kundgebung statt.

Ein gefundenes Fressen für die Fernsehkameras, aber nicht bei allen Palästinensern gern gesehen: Die brennende amerikanische Flagge (die im Wind nicht so recht brennen will)

Ein gefundenes Fressen für die Fernsehkameras, aber nicht bei allen Palästinensern gern gesehen: Die brennende amerikanische Flagge (die im Wind aber nicht so recht brennen will)

Die USA haben schonmal ihr Veto angekündigt – dafür wurden auf dem Arafat-Platz amerikanische Flaggen angezündet. „Das ist das Bild, das dann im Fernsehen gezeigt wird“, beklagt ein palästinensischer Bekannter. Die tanzende Menge, die ausgelassen feiert und friedlich demonstriert, tritt dabei wohl in den Hintergrund. Die polemischen Brandstifter wurden schnell abgeführt, das Bild in den Kameras bleibt.

„Ich wünsche mir eine neue Form des Widerstands“, sagt der gleiche Bekannte, „einen friedlichen Widerstand. 500.000 Palästinenser von der Seite der West Bank, 250.000 von der anderen, die nichts anderes wollen, als einander die Hand zu schütteln, vielleicht ändert sich dann was“, überlegt er. Schwierig wird nur sein, die jungen Steinewerfer und die Soldaten in den Wachtürmen davon abzuhalten, wieder aufeinander loszugehen.

Gute Aussichten?

Gute Aussichten?

Ob es in dieser Woche einen palästinensischen Staat geben wird, ist noch offen. Ob eine Anerkennung die Region einem beständigen Frieden näherbringt, ist zweifelhaft. Und was bringt es den Menschen im Land eigentlich, wenn es offiziell einen Staat Palästina gibt? So richtig klar hat sich Abbas da wohl noch nicht ausgedrückt. Mit manchen geht der Patriotismus durch, wie sinnvoll das ist, wird sich zeigen.