Da sind sie alle weggerannt - die strenggläubigen Mitarbeiterinnen wollten auf keinen Fall aufs Foto

Da sind sie alle weggerannt – die strenggläubigen Mitarbeiterinnen wollten auf keinen Fall aufs Foto

Im vierten Stock in einem der Bürotürme Tel Avivs klingelt hinter der verglasten Fassade das Telefon. Nili Davidovitz nimmt ab, es folgen schnelle Worte auf hebräisch. Der Mann am anderen Ende der Leitung sucht einen Job für seine Frau. Kontakt mit Männern soll sie dabei aber möglichst nicht haben, außerdem muss sie pünktlich zuhause sein, um die Kinder von der Schule abzuholen. Und auch sonst muss alles koscher sein.

Nili bekommt öfter solche Anrufe. Dass Väter oder Ehemänner für ihre Frauen und Töchter einen Job suchen, ist für Nili ganz normal. Denn die Frauen, die bei ihr arbeiten, sind ultra-orthodoxe – also strenggläubige – Jüdinnen. Auch Nili gehört zu den Haredim. Sie ist aber nicht streng religiös aufgewachsen, sondern hat sich erst als jung verheiratete Frau gemeinsam mit ihrem Ehemann für ein ultra-orthodoxes Leben entschieden.

„Diese Leute hatten etwas, was wir nicht hatten“, erklärt Nili ihre Entscheidung. Was sie meint, ist die Ernsthaftigkeit im Glauben, die völlige Konzentration auf Gott und Seine Gebote. Doch eines gefiel Nili nicht: „Meine Freundinnen konnten nicht tun, was ich tat, obwohl sie Talent hatten“, erinnert sie sich, „das fand ich ungerecht.“ Also hat Nili nach vielen Jahren als Programmiererin, vor vier Jahren ein eigenes Unternehmen gegründet, das professionelle Webseiten erstellt.

Bei DAAT sind von den 40 Angestellten 36 Frauen. Und alle sind Haredim, obwohl sich auch manchmal weniger strenggläubige Frauen melden. Denn wer viele Kinder hat, so wie die Haredim-Frauen, kann bei Nili Kinder und Karriere gut miteinander vereinbaren. Acht Stunden pro Tag, länger arbeiten die Frauen nicht. „Auch Überstunden gibt es keine“, betont Nili. Und wenn ein Kind krank ist oder das nächste auf die Welt kommt bleibt Nili gelassen – und hält den Schreibtisch frei, bis ihre Mitarbeiterin wieder zur Arbeit kommen kann.

Soweit klingt noch alles recht normal bei DAAT. Manches mitleidige Kopfschütteln erntet Nili, wenn sie von ihren Gesprächen mit den Männern erzählt. Denn hin und wieder muss sie einem Ehemann gut zureden, damit er seine Frau den weiten Weg in die quirlige Innenstadt von Tel Aviv fahren lässt. Ganz allein im Bus mit fremden Männern und aufreizend gekleideten Frauen. Sie machen sich Sorgen, dass ihren Frauen etwas passiert. Sie machen sich aber auch Sorgen, dass die Frauen vom Glitzern der Stadt und dem modernen Leben angelockt werden, dass sie es irgendwann nicht mehr aushalten in ihrem strengen Leben, das bestimmt ist von jahrtausendealten Gesetzen.

Nili sieht da allerdings keine Gefahr: „Ich bin sicher, dass sie die Arbeit hier nicht dazu bringt, von ihrem Glauben abzufallen.“ Dieses Risiko will sie auch gar nicht eingehen. Bei Gesprächen mit Männern soll es nur um berufliche Dinge gehen und bevor ihre Mitarbeiterinnen zu externen Fortbildungen gehen, klärt Nili ab, dass dort auch alles gesittet zugeht. Auch bei ihren Auftraggebern und Kunden achtet Nili darauf, dass sie und ihre Mitarbeiterinnen alle jüdischen Gesetze einhalten. Webseiten mit sexuellem Inhalt produziert DAAT deswegen natürlich nicht. Aber auch keine Webseiten für Restaurants wie McDonald’s, die unkoscheres Essen anbieten.

So kann der Mann am anderen Ende Leitung auch ganz beruhigt sein. Nili und ihre Firma haben in der ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinschaft einen guten Ruf. Sie steht in engem Kontakt mit ihrem Rabbi und fragt lieber nach, bevor sie einen Auftrag annimmt, der ihren Mitarbeiterinnen unangenehm sein könnte. Nili legt auf, der Mann kann mit seiner Frau vorbeikommen, sie stellt gerade wieder Mitarbeiterinnen ein.

Einen Artikel über Nili und ihre Firma habe ich für die dpa geschrieben. Online zu sehen ist er zum Beispiel hier und hier.